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Dritte Bildungs- und Gesundheitskonferenz

Gute Vorsorge, bessere Bildungschancen

Holzminden (ozv) - Dass gute Bildungschancen mit guten gesundheitlichen Voraussetzungen Hand in Hand gehen, dürfte zumindest nach kurzer Überlegung kaum verwundern.

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Prof. Dr. Asselmeyer bei seinem Vortrag über die intelligente Region Holzminden.

© Foto: Landkreis Holzminden

Dass dementsprechend auch interdisziplinär miteinander geforscht, geredet und gehandelt wird, ist allerdings immer noch eher die Ausnahme. Die Bildungs- und die Gesundheitsregion im Landkreis Holzminden haben versucht, dem entgegenzuwirken, indem sie ihre jeweils dritte Konferenz gemeinsam in den Holzmindener Berufsbildenden Schulen abhielten. Als Thema stand die „Frühkindliche Gesundheit für eine gelingende Bildungsbiografie“ im Mittelpunkt. Die Veranstaltung vor rund 80 Teilnehmenden zeigte deutlich: Beide vom  niedersächsischen Sozial-bzw. Kultusministerium geförderten Regionen passen gut zusammen.
Man treffe mit der interdisziplinären Sicht einen Nerv der Zeit, hatte Landrätin Angela Schürzeberg schon eingangs der Konferenz angemerkt. Diesen Ansatz weitete der erste Referent in seinen Ausführungen noch aus. Professor Dr. Herbert Asselmeyer von der Universität Hildesheim forderte in seinem Grundsatzvortrag für eine „intelligente Region Holzminden“ radikal eine Form direkter Demokratie. Es gehe darum, so Asselmeyer, eine „Fleckenstrategie“ für die Gestaltung von Themen wie Gesundheit und Bildung zu entwickeln, bei der die Innovationen aus vielen kleinen Diskussionsgruppen heraus an die jeweiligen Führungspersonen weitergetragen werden sollten. Voraussetzung dafür sei ein Zustand kollektiver Achtsamkeit, der durch gegenseitige Wertschätzung geprägt sei.

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Jennifer Sturz, Ärztin des Holzmindener Projektes HOPP wünscht sich noch mehr teilnehmende Kindergärten.

© Foto: Landkreis Holzminden

       
Konkreter ins Thema tauchte im Anschluss dann Dr. Bettina Langenbruch vom Gesundheitsamt des Landkreises Hildesheim ein. Langenbruch lieferte ein Beispiel aus der Praxis zum Thema frühkindlicher Gesundheit als Voraussetzung für einen guten Schulstart. Denn das Programm „Prävention in aller Frühe“, kurz PIAF genannt, läuft im Nachbarkreis schon seit 12 Jahren und hat landesweit Schule gemacht. Anlass, so Langenbruch, seien seinerzeit die steigenden Kosten für die Jugendhilfe und die Eingliederungshilfe gewesen. Ziel sei gewesen, kindliche Entwicklungsprobleme früher zu erkennen, Eltern und Kitas bei der Förderung der Kinder zu unterstützen und Versorgungslücken im Gesundheitssystem zu verringern. Darüber hinaus habe man die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Pädagogen und Ärzten stärken wollen sowie eine systematische wissenschaftliche Begleitung vonseiten der Universität Hildesheim für sinnvoll erachtet. Als ein wesentliches Fazit aus heutiger Sicht konnte die Hildesheimer Medizinerin feststellen, dass sich die Auswirkungen sozialer Ungleichheiten aufgrund des Präventionsprogramms im Hinblick auf die Startchancen in der Schule deutlich reduziert hätten. Ein Defizit jedoch bleibe, musste Dr. Bettina Langenbruch abschließend konstatieren: „Wenn wir die Kinder an die Schulen abgeben, dann interessiert sich keiner mehr für eine Weiterführung.“  

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Dr. Bettina Langenbruch vom Gesundheitsamt Hildesheim referierte über ihre Erfahrungen mit Vorsorgeuntersuchungen in Kitas.

© Foto: Landkreis Holzminden

    
In welcher Form PIAF im Landkreis Holzminden umgesetzt wird, erläuterte im Anschluss Jennifer Sturz. Die Amtsärztin ist seit gut einem Jahr für den Landkreis unterwegs, um Drei- bis Vierjährige in Kitas im Rahmen des hierzulande mit „HOPP“ betitelten Programms zu untersuchen. Sturz berichtete über eine hohe Akzeptanz der Eltern. In den zehn Kitas, die auf freiwilliger Basis das Präventionsprogramm in Anspruch genommen haben, hatten 86 Prozent aller Kinder teilgenommen. Die Ergebnisse bestätigten die Wichtigkeit solcher Untersuchungen. Denn bei über 40 Prozent aller Kinder wurden Sprachauffälligkeiten bzw. Hörprobleme festgestellt, fast ein Viertel bekam eine Empfehlung für den Augenarzt. Und auch die Anzahl der von den Eltern selbst diagnostizierten Verhaltensauffälligkeiten sowie eine Verbesserung des Impfschutzes rechtfertigten das Programm in vollem Umfang. Jennifer Sturz attestierte den teilnehmenden Eltern, Kindern und Erziehern ein hohes Maß an Vertrauen, dass zu einer bisher sehr erfolgreichen Arbeit beigetragen habe. Was sicher nicht zuletzt auch daran liegt, dass die Medizinerin und ihre Kollegin für das Projekt spürbar brennen. „Wie Sie vielleicht merken, haben wir Spaß bei der Arbeit“, erklärte Sturz am Ende ihrer Ausführungen zu Recht.      
Den Abschluss der Konferenz bildete schließlich eine vom Allgemeinen Vertreter der Landrätin, Hans-Joachim Scholz, moderierte Podiumsdiskussion, bei der zunächst die Bildungskoordinatorin des Landkreises, Ira Pahlow, die sozialpädagogische Begleitung schulischer Inklusion, der pensionierte Bewährungshelfer Hans Josef Winter vom Verein „Aktive Hilfe e.V.“ den „Schulverweigererwecker“ und schließlich die Medizinerin Dr. Iris Demmer von der Universität Göttingen das geplante Praktische Jahr von Medizinstudenten in Landarztpraxen vorstellten.
In der anschließenden Diskussion wurde zum Ausdruck gebracht, dass die per Gesetz zuständigen Institutionen die gesundheitliche Versorgung in ländlichen Regionen sicherstellen sollten und von den Kommunen wieder mehr in die öffentliche Gesundheitsversorgung investiert werden müsste, um die präventive Arbeit in den Regionen stärker zu unterstützen.

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