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Internationale Tagung in Corvey und Paderborn

Neue Technologien zur Vermittlung von Welterbe

Höxter (ozm) - Die Transformation jahrzehntelanger Forschungsergebnisse in digitale Tools kann auch zerstörte Welterbestätten zumindest in Teilen wieder erlebbar machen. Für diese Recovering-Prozesse in und außerhalb Europas haben die Planungen zur didaktischen Erschließung des Welterbe Westwerks Corvey ihren Platz im Kontext der Vorbild-Beispiele.

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Josef Kowalski vom Kirchenvorstand der Gemeinde St. Stephanus und Vitus bei einer Gruppenführung mit Teilnehmern der Tagung im Johanneschor.

© Foto: Kalle Noltenhans

Auf diesen wegweisenden Modellcharakter hat Dr. Birgitta Ringbeck, Koordinierungsstelle Welterbe im Auswärtigen Amt Berlin, bei der zweitägigen internationalen Tagung „Neue Technologien zur Vermittlung von Welterbe“ in Paderborn und Corvey hingewiesen – und damit dem wissenschaftlichen Kompetenzteam um Professor Dr. Christoph Stiegemann ein exzellentes Zeugnis für die spannenden Vorhaben zur virtuellen Wiederauferstehung der von Engeln bewachten Himmelsstadt ausgestellt.
Mit dem Rückenwind der ersehnten denkmalrechtlichen Genehmigung der Glastrennwand zwischen Westwerk und barocker Abteikirche des einstigen Benediktinerklosters im Weserbogen bei Höxter hieß Generalvikar Alfons Hardt 136 Teilnehmer aus Deutschland, der Schweiz, Italien und Spanien zu der vom Erzbistum Paderborn, der Deutschen UNESCO-Kommission und ICOMOS Deutschland veranstalteten hochkarätigen Tagung im Forum St. Liborius in Paderborn willkommen.
Vertreter bedeutender europäischer Welterbestätten wie der Domus Aurea in Rom, dem Welterbe Tarraco in Katalonien im Nordosten Spaniens, der Klosterinsel Reichenau und dem Fagus-Werk in Alfeld bei Hannover gewährten aufschlussreiche Einblicke in ihre Konzepte zur Erschließung und zur Nutzung digitaler Technologien. Die virtuelle Handschriftenbibliothek der Schweiz – e-codices – stand ebenfalls im Mittelpunkt.
Am zweiten Tag der Tagung hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von der beeindruckenden karolingischen Architektur und den herausragenden Wandmalereien des Welterbe-Westwerks Corvey zu machen. Vor den Führungen in der Erdgeschosshalle und im Johanneschor erläuterte Dr. Matthias Exner, Deutsches Nationalkomitee von ICOMOS, München, den universellen Wert der Corveyer Malereien, zu deren Alleinstellungsmerkmalen die berühmte Odysseus-Szene als Zeugnis der Berücksichtigung profaner und umgedeuteter Ikonographie in den Bildprogrammen karolingischer Sakralbauten sowie die Sinopien und Stuckfragmente des Johanneschors gehören. „Sie erlauben den wichtigsten Beleg für die Produktion von Großplastik aus karolingischer Zeit nördlich der Alpen und zugleich den aussagekräftigsten Nachweis für die enge konzeptionelle und handwerkliche Synthese von Wandmalerei und Stuckplastik in den Dekorationssystemen dieser Epoche“, erläuterte Dr. Exner.
Ohne jeglichen Eingriff in die sensible Bausubstanz will das wissenschaftliche Kompetenzteam die Himmelsstadt und ihre Ausgestaltung in zwei Erzählsträngen zum Strahlen bringen: In Wechselwirkung mit dem Ort sollen die Besucher fast schon detektivisch auf Spurensuche gehen und in einem zweiten Erzählstrang die malerischen Werkprozesse erleben. „Sie werden erleben, wie aus dem Nichts die kunstvolle Malerei entsteht“, so Professor Stiegemann, „allerdings nicht mit einer virtuellen Brille, sondern mit dem Tablet.“ Dem Kompetenzteam ist nämlich die Wechselwirkung mit der unvergleichlichen Aura des authentischen Ortes ein großes Anliegen.
Diese Zielsetzung unterstrich Carolin Kohlhoff, Leiterin des Fachbereichs Welterbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission: „Der Einsatz neuer Technologien im Welterbe ist ein Meilenstein in der Vermittlungsarbeit, er kann jedoch nicht zur Gänze die Erfahrung und das Erleben einer Stätte vor Ort ersetzen.“ Dr. Uwe Koch, Deutsches
Nationalkomitee für Denkmalschutz, Berlin, brachte die digitale Visualisierung ebenfalls als „Ergänzung zur analogen Betrachtung“ in die Diskussion ein. Bei der Vermittlung von Kulturerbe spielten digitale Tools eine wichtige Rolle, weil sie Erfahrbarkeit verbessern. „Digital macht Freude“, resümierte Koch nicht zuletzt auch nach den Erfahrungen des Europäischen Kulturerbejahres und mit den einhergehenden Offensiven. „Digitale Tools können Steine zum Sprechen bringen, neue Nutzergruppen erschließen und eine Vernetzung generieren.“
Diese Intention stehe in vollem Einklang mit dem Ziel der UNESCO, Zugang zum Weltwissen im digitalen Raum zu fördern, sagte Carolin Kohlhoff. „Ebenso harmoniert dieses Ziel mit dem Anliegen der Deutschen UNESCO-Kommission, den Zugang zu kulturellem Erbe für jeden zu ermöglichen.“
Dabei gelte es, vor allem auch junge Menschen teilhaben zu lassen, hob Mònica Borrell Giró, Direktorin des Nationalen Archäologischen Museums von Tarragona, Spanien, hervor. „Es ist wichtig, in die Zukunft zu denken und junge Menschen zu erreichen. Wir arbeiten für ihre Zukunft. “ Die jungen Menschen seien diejenigen, die morgen für den Erhalt des kulturellen Erbes Verantwortung tragen. Wie die Vorteile der digitalen Erschließung intelligent genutzt werden könnten, dazu seien bei der Tagung interessante Beispiele zur Sprache gekommen.
Um Begeisterung zu wecken, gelte es auch, die Menschen emotional einzufangen, postulierte Professor Stiegemann auch im Hinblick auf Corvey. „Wir müssen die Inhalte so übersetzen, dass es verständlich wird und auch die emotionale Ebene erreicht.“ Angesichts der schnellen Überalterung von Bildern gelte es, Narrative für die Vermittlung zu entwickeln, die durch ihre Überzeugungskraft eine gewisse Zeitlosigkeit gewinnen.
„Corvey ist der intensiven technischen Unterstützung geradezu bedürftig“, konstatierte Dr. Matthias Exner. Grundsätzlich hob er hervor, dass der Einsatz digitaler Tools auf wissenschaftlichen Fakten basieren und sich von populären Spielarten abgrenzen müsse. Storytelling mit Kostümfilm-Versatzstücken lehnt Dr. Exner ab.
Auf die Qualität der Inhalte zu achten, ist auch Dr. Tino Mager vom Vorstand des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS ein Anliegen. „Die Qualität darf nicht unter der Präsentation leiden.“ Bei der Tagung habe er hervorragende Beispiele gesehen.
„Es ist zentral, dass wir eine gute wissenschaftliche Grundlage haben und die dann digitalisieren“, betonte Dr. Ringbeck. Diese Basis sei in Corvey auf höchstem Niveau gegeben, verwies sie auf die jahrzehntelangen dokumentierten Forschungen von Hilde Claussen und Uwe Lobbedey.
Die Tatsache, dass die Forschungsergebnisse dieser beiden hochkarätigen Wissenschaftler digital dokumentiert werden, trage dazu bei, dass Corvey als Best-Practise-Beispiel für Recovering-Prozesse in Rede stehe.
Die Tagung hat dazu beigetragen, die ehemalige Reichsabtei und ihr einzigartiges Westwerk im Kontext der internationalen Welterbestätten – in der Champions-League – zu verorten. Referenten und Teilnehmer ließen keinen Zweifel daran, dass es bei der Erschließung des Juwels am Weserbogen – wie letztlich bei allen besonderen Orten – auf ein konzertiertes, gemeinsames Handeln aller Beteiligten ankommt.

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